Ostblock Impressionen

Frühjahr 1990: Eine einsame Allee im Niemandsland zwischen Hof und Plauen. Aufgenommen mit einer Contax SLR auf Kodak T-MAX 400

Die Mauer war tatsächlich gefallen. So richtig gut kann ich mich an diese Zeit zwar leider nicht mehr erinnern, aber so viel weiß ich noch: Wir konnten es kaum glauben.

Noch war die Wiedervereinigung Deutschlands nicht vollzogen, da durfte man bereits zwischen West- und Ostdeutschland hin und her reisen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das wollte ich nutzen. Wenn ich mich beeilte, dachte ich, würde ich noch auf Motive treffen, die den Begriff Ostblock unterstreichen, aus dem Straßenbild der Gegend aber bald verschwinden würden. Und so beschloss ich im Frühjahr 1990 vier Tage lang einen Teil der DDR zu bereisen.

Die Route

Meine Oma väterlicherseits wohnte in Chemnitz, der Geburtsstadt meines Vaters. Also ließ ich mir von ihm erklären, wo ich das Altersheim, in dem sie lebte, finden würde. Man hatte mir die Hoffnung genommen, in der DDR ausreichend Hotels vorzufinden, weshalb ich befürchtete, dort, wo es mich gerade hinverschlagen würde, nicht vernünftig übernachten zu können. Ich mietete mir also ein Wohnmobil und benutzte es als fahrende Fototasche, in der ich essen und schlafen konnte. 

Soweit ich das heute rekonstruieren kann, führte mich der Weg über Hof nach Plauen, Chemnitz, Dresden, die Festung Königstein, und der Rückweg durch die Tschechoslowakei nach Prag, Pilsen und über Deggendorf zurück nach Hause.

Johanna Töpfer 1990 im Altersheim bei Chemnitz
Johanna Töpfer 1990 im Altersheim bei Chemnitz

Fantastische Luftperspektive

Was die Motive anging, fing die Reise so vielversprechend an wie erwartet. Ich erinnere mich, die erste Nacht am Straßenrand einer Allee verbracht zu haben. Am frühen Morgen steuerte ich den VW-Bus über das feuchte Kopfsteinpflaster von Plauen, wobei ich mir vorkam, als würde ich durch die Kulissen eines Filmsets rollen. Da geriet der Fotograf in mir ins Schwärmen. War es Nebel oder der Smog der Stadt? Dank der tief stehenden Sonne herrschte eine helle, freundliche, absolut fantastische Luftperspektive. Des künstlerischen Effektes wegen wird Derartiges in Filmen absichtlich erzeugt.

Ungläubig darüber staunend, was sich meinen Augen bot, passierte ich eine Haltestelle, an der einige Bürger auf den Bus warteten. Die Leute beobachteten mich, als hätten sie nie zuvor ein Fahrzeug wie meines gesehen. Als ich schließlich einen passenden Parkplatz gefunden hatte, ließ ich mich von meiner Intuition treiben und schoss nahe der Thomas-Mann-Straße 14 ein paar Fotos. Das Haus ist übrigens immer noch sehr fotogen und steht zu Recht unter Denkmalschutz.

Plauen 1090
Ruine der Frauenkirche in Dresden im Frühjahr 1990

Ruine der Frauenkirche zu Dresden im Frühjahr 1990. So sieht das Bauwerk heute aus.

Verwahrloste Ecken

1985 und 1988 war ich in England an viele verwahrloste Ecken geraten. In aller Regel hatten die den besonderen Charme von Lost Places, wie man sie sich für morbid anmutende Fotomotive wünscht. Ähnliches hatte ich mir in der DDR erhofft. Die Gegend um Plauen erschien mir auch noch vergleichsweise aufgeräumt. Doch mit der zunehmenden Verschlechterung des Wetters verdüsterte sich auch mein Eindruck vom Zustand des Landes. Die Ruine der Frauenkirche zu Dresden so zu sehen, als wäre der 2. Weltkrieg gerade erst ein Jahr vorbei gewesen, war ergreifend. Das Bauwerk so als Fotomotiv wahrzunehmen, wollte mir aber nicht so recht gelingen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Schade ums Motiv. 😉

Die Festung Königstein beeindruckte mich vor allem durch ihre schiere Größe und die Tatsache, dass sie nicht von Touristen belagert war, wie das heute vermutlich der Fall sein dürfte.

Festung Königstein 1990

Kulturschock

Die CSSR war aber dann doch eine Art Kulturschock für mich. Vielleicht hätte besseres Wetter verhindert, dass ich zunehmend die Lust daran verlor, so viele Aufnahmen zu machen wie ich vorgehabt hatte.

Wenn man mal von Prag absieht, das mir wie eine Goldgräberstadt vorgekommen war, wirkte der Teil der Tschechoslowakei, durch den ich damals fuhr, noch einmal um einiges trostloser als die DDR. Allmählich beschlich mich das Gefühl, mich als Besucher aus dem Westen dafür schämen zu müssen, die offensichtlich herrschende Abgerissenheit der Gegend auch noch abzulichten.

Bedauerlich, denn die paar Bilder, die es auf den Film geschafft haben, wirken aus meiner heutigen Sicht dokumentarisch und dadurch interessanter als damals gedacht.

Einige dieser Bilder wurden 1990 in der Gegend von Pilsen aufgenommen
Blick durch eine Straße in Tschechien 1990
Blick durch eine Straße in Tschechien 1990

Ausrüstung

Ich fotografierte diese Bilder mit zwei meiner CONTAX SLRs, zu denen ich reichlich Objektive und Zubehör mitführte.

In dem tschechischen Grenzbeamten hatte das offenbar Misstrauen geweckt, als er mein Wohnmobil von innen inspizierte. Er glaubte wohl, ich würde mit Kameras zollpflichtigen Handel treiben. Mit Händen und Füßen war es mir gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass ich den ganzen Kram für meine eigenen Zwecke benutzte.

Das Filmmaterial bestand ausschließlich aus Kodak T-Max 400, die ich zu dieser Zeit in ID-11 auf 250 ASA entwickelte.

Auf den Porträts meiner Großmutter sieht man, wie fein das Korn durch diese Verarbeitung ausfiel. Auf den Aufnahmen von Landschaft und Gebäuden erinnert es nach der digitalen Verarbeitung in Affinity Foto mit Tonwertmapping eher gepushten Tri-X 400, was mich aber nicht stört, weil die Bilder durch den deutlich höheren Detailkontrast prägnanter wirken.

Contax 137 Quartz

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